Das Gebet Jesu
Predigt für Sonntag, den 28. Mai 2006 im Temple von Lagorce
Lesungen: Apostelgeschichte 1, 12 bis 26 ; 1 Johannesbrief 4, 11 bis 16
Evangelium: Johannes 17, 11 bis 16
Lieder: Arc en Ciel 228, 1-3; 506, 1-3; 601, 1-3
Spontane Antwortverse: 118, 1; 428, 4 ; 475, 2 ; 81, 8 ; 862 ; 875 ; 471, 1 ; 138, 2
Die erste heutige Lesung handelt davon, wie die Gruppe der Apostel neu geordnet wurde. Nachdem Judas nicht mehr da war, brauchte es einen neuen zwölften Apostel, damit die Gruppe der Verantwortlichen der ersten christlichen Gemeinde wieder die Zwölfzahl erreichte, Sinnbild für die Ganzheit des Gottesvolkes – derer also, die berufen sind, von Gottes Heil Zeugnis abzulegen.
Wir hören aus dem ersten Kapitel der Apostelgeschichte die Verse 12 bis 26:
Nachdem der Auferstandene von ihnen geschieden war, kehrten die Jünger nach Jerusalem zurück von dem Berg, der heißt Ölberg und nahe bei Jerusalem liegt, einen Sabbatweg entfernt. Und als sie hin kamen, stiegen sie hinauf in das Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon der Zelot und Judas, der Sohn des Jakobus. Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. In diesen Tagen trat Petrus auf unter den Brüdern - es war aber eine Menge beisammen von etwa hundertzwanzig - und sprach: Ihr Männer und Brüder, es mußte das Wort der Schrift erfüllt werden, das der heilige Geist durch den Mund Davids vorausgesagt hat über Judas, der denen den Weg zeigte, die Jesus gefangennahmen; denn er gehörte zu uns und hatte dieses Amt mit uns empfangen. Der hat einen Acker erworben mit dem Lohn für seine Ungerechtigkeit. Aber er ist vornüber gestürzt und mitten entzwei geborsten, so daß seine Eingeweide hervorquollen. Es ist allen bekannt geworden, die in Jerusalem wohnen, so daß dieser Acker in ihrer Sprache genannt wird: Hakeldamach, das heißt Blutacker. Denn es steht geschrieben im Psalmbuch: »Seine Behausung soll verwüstet werden, und niemand wohne darin«, und: »Sein Amt empfange ein andrer.« So muß nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist - von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden. Und sie stellten zwei auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias, und sie beteten und sprachen: Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden, damit er diesen Dienst und das Apostelamt empfange, das Judas verlassen hat. Und sie warfen das Los über sie, und das Los fiel auf Matthias; und er wurde den elf Aposteln zugeordnet.
Die zweite Lesung finden wir im ersten Johannesbrief. Sie zeigt, daß Liebe, die diese Bezeichnung wirklich verdient, uns erlaubt, Gott selbst zu begegnen. Wir hören 1 Joh 4, 11 bis 16 :
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen auch wir uns untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe kommt in uns zur Vollendung. Daran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, daß Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Das Evangelium zum heutigen Sonntag bietet uns den wichtigsten Teil jenes großen Gebets, mit dem Jesus seine Abschiedsreden vollendet, kurz vor seiner Verhaftung, seinem Leiden und seinem Tod. Wir nennen es das „hohepriesterliche Gebet Jesu“. Hören wir Johannes 17, 11 bis 19:
Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, daß sie eins seien wie wir. Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde. Nun aber komme ich zu dir und rede dies in der Welt, damit meine Freude in ihnen vollkommen sei. Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehaßt; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte dich nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie bewahrst vor dem Bösen. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende auch ich sie in die Welt. Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.
Liebe Freunde,
dieses Gebet betrifft auch uns, denn Jesus betet es für seine Jünger aller Zeiten. So sind wir ganz direkt mit gemeint. Dies Gebet Jesu umgibt und begleitet uns. Jesus betet es, um uns zu verändern, uns zu verklären. Dieses hohepriesterliche Gebet Jesu macht nämlich aus den armen Sündern, die wir sind, Glieder seines Leibes: Hände und Füße, Augen und Ohren jenes Organismus, durch den der Auferstandene in der Welt gegenwärtig ist und den wir Kirche nennen.
Ich gebe gern zu, daß Jesus sich in diesem Gebet ein wenig eigentümlich ausdrückt. Er bedient sich einer Redeweise, die in der Bibel recht oft vorkommt. Der bekannteste Text in dieser Hinsicht ist die Weihnachtsgeschichte, wie sie von der Johannesapokalypse geboten wird. Der Seher von Patmos spricht weder von Maria noch von Jesus, und er sagt nichts von der Geburt im Stall. Er bietet uns hingegen eine Vision. Er sieht eine Frauengestalt im Himmel (das heißt: im Herzen Gottes!), die von der Sonne und dem Mond umgeben ist, und vor der Niederkunft steht. Ihr Kind wird durch einen Drachen bedroht, von einem Ungeheuer des Bösen – das aber nur droht, nicht zu töten vermag. Leider können wir heute nicht länger bei dieser Vision verweilen. Es genügt aber, wenn wir für diesmal etwas besonders Wichtiges festhalten: Diese Vision zeigt, daß Ereignisse, die auf der Erde geschehen, hier die Geburt eines Kindes kleiner Leute in Israel, im Himmel Widerhall finden. Eine Geburt, ein wirklich nicht sehr ungewöhnliches Geschehen, bewirkt etwas Neues und Besonderes im Herzen Gottes. Das ist unerhört! Die Mythen anderer Religionen und Kulturen pflegen das genaue Gegenteil zu betonen. Nehmt etwa die Odyssee. Ein gewaltiges Epos, das uns erzählt, wie ein Streit im Götterhimmel, kleinliches Gezänk von Göttergestalten, die sonst nichts Rechtes zu tun haben, einen gewaltigen Krieg auslöst, der Hellas und Troja ins Unglück reißt. Ein grauenhaftes Blutbad, das unzählige Opfer kosten wird, und zehn Lebensjahre von Odysseus, der zentralen Figur des Epos.
In der Bibel ist es genau umgekehrt. Was auf der Erde geschieht, hat Folgen im Herzen Gottes – einfach darum, weil Gott Liebe ist!
Mit anderen Worten: Gott lebt mit, was wir erleben. Gott geht unsre Wege mit. Gott leidet, wenn Menschen leiden. Gott kennt unsere Sorgen, er teilt sie. Kurz: Gott liebt unser Leben. Und vor allem: Gott liebt die Liebe! Das sagt Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet. Wir werden gleich sehen, welche unglaubliche Tragweite das für unser ganzes Dasein hat. Denn dadurch wird der Glaube, die existentielle Verbundenheit mit dem Auferstandenen, unser Leben bis in die äußerlichsten Kleinigkeiten prägen.
Vielleicht erkennen Sie leichter die ungeahnte Tragweite dieser Tatsache, wenn wir sie im Gegenüber zu jenem berühmten Gleichnis sehen, das sich in einem der Dialoge Platons findet. Sokrates erläutert dort, daß unsere Lebenswirklichkeit, also das, was uns so Tag für Tag in unserem Alltag begegnet, gar nicht die echte Wirklichkeit ist. Was wir wahrnehmen, das sind nur Schatten der Wirklichkeit, die von außen an die Wände der Höhle geworfen werden, die unser körperliches Dasein ist. Die Höhle unseres Alltagslebens wird von außen her beleuchtet, von jenem Licht, das aus der wahren Wirklichkeit kommt, aus der Welt der Ideen.
Für Jesus ist das genaue Gegenteil wahr. Er spricht nie und nirgends von einer wahren Wirklichkeit des Lichtes, die in unsere traurige, derzeitige Dunkelheit hineinscheint. Und er kommt schon gar nicht auf die Idee, uns im Tal der Tränen, das wir (nach manchen gar nicht sehr christlichen Interpreten) hinieden zu durchwandern haben, auf ein Paradies zu vertrösten, das dann nach dem Tode auf uns warten würde...
Letztens hat mich eine Dame gefragt, ob ich ihr nicht einmal klar und deutlich sagen könnte, wie das sei mit dem Leben nach dem Tod. Ich habe ihr bereitwillig Auskunft gegeben: Seit der Auferstehung Jesu, sagte ich, wissen wir zwei Dinge ganz genau. Erstens: Im Auferstandenen, in Christus, haben wir das Leben. Das wahre, das die Bibel „ewiges“ Leben nennt. Jetzt schon. Unser persönlicher Tod kann daran nichts ändern. Und er kann ganz gewiß nicht einfach das Ende sein.
Und zweitens: Was nach dem Tod kommt, um das zu wissen – braucht’s nichts als ein bißchen Geduld. Denn Jesus hat einmal gesagt: Das weiß nicht einmal der Sohn. Und der Vater? Ich bin überzeugt: Der wird uns überraschen...!
Allerdings, wenn Jesus das Leben ist, dann existieren wir in einer doppelten Wirklichkeit. Natürlich könnte man einfach denken, unsere Lebenswirklichkeit wäre gewissermaßen der irdische Widerschein jener himmlischen Wirklichkeit, die den Auferstandenen im Reich Gottes umgibt, in seiner Gerechtigkeit, in seinem Frieden, in seiner Liebe. (Das entspräche dann genau dem Höhlengleichnis. Aber Jesus ist nicht Sokrates.)
Wenn wir Jesu hohepriesterliches Gebet richtig verstanden haben, ist das genaue Gegenteil wahr. Wir sind keineswegs die irdischen Marionetten des himmlischen Christus, ferngelenkt durch seinen heiligen Geist. Es ist umgekehrt: Die Realität unseres Handelns in Frieden und Gerechtigkeit und Liebe, in unserem ganz bescheidenen Alltag, mit und trotz all seiner Bruchstückhaftigkeit und aller Unvollkommenheit, läßt im Herzen Gottes alle Liebe und Gerechtigkeit und allen Frieden, also die Urkräfte seines Reiches, zu handfester Lebenswirklichkeit werden. Der Apostel sagt es übrigens auf unvergeßliche Weise in unserer zweiten heutigen Lesung (1Jh 4, 12):
« Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe kommt in uns zur Vollendung ». Anders gesagt: Gott, der Liebe IST, braucht unsere Liebe (trotz und mit all unserer Unvollkommenheit!) um zu seinem Ziel zu gelangen, um vollkommen zu werden!
Es ist leicht nachzuvollziehen, welch ungeahnte Folgen diese Entdeckung für unseren Glauben hat. Für manche kann das eine totale Erschütterung aller für unabänderlich gehaltenen Glaubensvorstellungen bedeuten. Viel zu lange hat man aus dem Glauben – ja, leider auch aus dem christlichen Glauben! - ein Sammelsurium von Glaubenssätzen und unumstößlichen Wahrheiten gemacht, die vor allem Nachdenken und vor aller Diskussion einfach akzeptiert werden mußten.
Noch heute könnt Ihr Leute finden, für die Christsein heißt, sich einer letzten höheren Macht zu unterwerfen. Ob das dann die allmächtige Mutter Kirche oder der Allmächtige da oben ist, der uns beherrscht, das kommt für mich aufs Gleiche hinaus: Denn eine solche öberste Instanz macht uns zu unmündigen Untertanen. Sie entfremdet uns. Eine solche letzte Macht nimmt uns unsere Menschenwürde und unsere Freiheit. (Dann gibt es letztlich weder Verantwortung noch Liebe, weil beide ohne Freiheit nicht bestehen können.)
Wenn aber das hohepriesterliche Gebet Jesu unser Leben ausrichtet, dann wird unser Glaube etwas völlig anderes. Er wird ein Abenteuer. Wenn ich wirklich den Worten Jesu nachlebe, dann bedeutet das, daß in meinem Dasein der Wille des Auferstandenen Wirklichkeit wird. Der Wille des Auferstandenen wird ganz handfester Alltag, er wird meine ganz persönlichen Unternehmungen prägen, er wird mein Tun und Lassen bestimmen und mein Mühen um und an jedem neuen Tag.
Es ist freilich leicht nachzuvollziehen, wenn manche, auch hier unter uns, sich einen etwas weniger mühsamen Lebensweg wünschen. Wer träumt nicht ab und an wenigstens ein bißchen von einem Glauben, der ganz und gar Vertrauen ist, in dem wir gesagt kriegen, wo es lang geht und dann wie ein kleiner Hund unserem lieben Meister nachlaufen können, dem, der ganz genau weiß, was uns gut tut – und der an unserer Stelle alles macht, worauf es ankommt.
Im derzeitigen Bonhoefferjahr darf ich schlicht anmerken, daß wir als Christen aufgerufen sind zum aufrechten Gang, zu einem Leben in Mündigkeit! Wir sind dazu eingeladen, unsere grauen Zellen schaffen zu lassen. Dafür haben wir sie nämlich gekriegt! Wir sind dazu berufen, die Gaben, die wir empfangen haben, voll ins Spiel zu bringen. Unsere guten Ideen und unsere Phantasie, unseren Schwung und unseren Unternehmungsgeist, und sogar unsere heimlichen Träume. Wenn wir alles das in der Richtung des Liebeswillens Gottes ins Spiel bringen, dann wird unser Leben, unser Alltag, zum Dienst, zum Zeugnis. Dann kann es uns passieren, daß wir, manchmal mit einiger Überraschung, erleben, wie das, was wir tun, was wir leben, zu einer besonderen Art von „Geistesgegenwart“ wird. Da kann es zu Sternstunden kommen, die alles in den Schatten stellen, was wir selber verdient haben! Da können wir oft nur staunen, wie in unserem ganz banalen Alltag, trotz all unserer Unvollkommenheit, „Früchte mit Ewigkeitswert“ wachsen.
Vorsicht allerdings : Das kommt so gut wie nie von ganz alleine. Und das ist schon gar nicht einfach ein Geschenk des heiligen Geistes, das senkrecht von oben kommt und uns zu ferngelenkten Marionetten macht.
Auf unseren höchst eigenen Einsatz kommt es an. Da wird Dein Dasein unversehens zu einem lebendigen Zeugnis für den Auferstandenen – in dem Maße, wie Du Dich auf das Abenteuer einläßt, Deine ganz persönlichen Begabungen ins Spiel zu bringen – diejenigen Gaben, die der Auferstandene gerade in Dir zum Aufkeimen bringen will!
So handelt Gott in unserem Leben. Freilich, weil er Liebe ist, wird er uns niemals vergewaltigen. Er wird höchst selten gegen unseren eigenen Willen mit und durch uns tätig sein.
Natürlich wird das Folgen haben. Es wird Segenswirkungen geben, Lichtfunken, die wir selbst nicht möglich gehalten hätten und die alles in den Schatten stellen, was wir aus uns heraus zu schaffen fähig sind.
Allerdings, die Früchte des Geistes werden uns so gut wie nie einfach in den Schoß fallen. Um Frucht zu tragen, mußt Du das selber wollen! Da mußt Du Dich einsetzen! Die großen Augenblicke, die Du erleben darfst, kommen so gut wie immer, weil Du dafür geschwitzt hast, weil Du Dich eingesetzt, weil Du Dich aufgeopfert hast!
Das bringt mich auf eine höchst bemerkenswerte Tatsache. In der jüdischen Tradition beginnt der Glaubensunterricht nicht etwa mit jenen lebensvollen Geschichten, die auch in unseren Herzen ihren Platz gefunden haben, mit so unvergeßlichen Gestalten wie Abraham und den anderen Patriarchen, oder mit Geschichten wie der vom Paradies, oder von der Sintflut. Nein, wenn jüdische Kinder ihren Religionsunterricht beginnen, dann fängt alles – mit den Opfervorschriften aus dem Buch Levitikus an (Die kriegen zu allererst „die Leviten gelesen“ – da kommt dieser Ausdruck her!). Bevor jüdische Kinder in die faszinierende Welt jener Geschichten eintauchen, die von dem Abenteuer handeln, das Gott mit seinem Volk und mit seiner Menschheit ins Werk gesetzt hat, müssen sie erst einmal begreifen lernen, daß der Weg des Glaubens kein gemütlicher Spaziergang ist, sondern eine höchst mühsame Wanderung. Wenn jüdische Kinder zum ersten Mal an die Tür zum Glauben klopfen, dann wird ihnen vor allem anderen zu verstehen gegeben, daß dieses Unternehmen seinen hohen Preis haben wird!
Der berühmte Geiger Isaak Stein hat es einmal in glänzender Weise auf den Punkt gebracht: Ein Zuhörer war nach einem unvergeßlichen Konzert auf ihn zugekommen und hatte gesagt: „Meister, alles würd’ ich darum geben, daß ich so Geige spielen könnt’ wie Sie!“. Sagt Stein zu ihm: „Ach ja? Wirklich, alles? Auch 12 Stunden Üben, jeden Tag?“
Ein Christenleben ist ein Abenteuer, das wirklich ein Menschenleben wert ist. Und es ist haargenau so wie die Meisterschaft von Issak Stein. Ein Leben als Zeugnis, das mit Sternstunden gesegnet ist, voller Frieden und Liebe und Gerechtigkeit, so ein Leben kommt nicht einfach vom Himmel gefallen. Es ist Frucht des vollen Einsatzes, den Du zu bringen unternimmst. Es wird Dich „12 Stunden Üben kosten, jeden Tag“, wie der Geiger sagen würde. Es braucht Dich voll und ganz. Und lohnt’s! Amen.
Auferstandener Herr, du machst uns Mut, du bringst uns in Bewegung,
du bringst uns auf den Weg – weil du uns und unseren Einsatz brauchst!
Du hast uns der Hut deines, unseres himmlischen Vaters anvertraut,
weil du weißt, daß der Weg unseres Zeugnisgebens kein leichter werden wird.
Du hast es selbst gesagt: wir werden unweigerlich quer liegen zu allem, was die anderen sind.
Wir werden voller Hoffnung sein, wenn die anderen verzweifeln.
Wir werden unverzagt die Ärmel hochkrempeln, wo den anderen das Herz in die Hosen rutscht.
Wir werden uns um Verständigung und Versöhnung mühen, wo andere nur kritisch die Augenbrauen hochziehen können.
Gib uns Herr, daß wir es schaffen, so zu sein wie du.
Schenk uns, daß wir uns bedenkenlos in das Abenteuer des Glaubens stürzen, das unser ganzes Dasein ausfüllen wird.
Und laß es nicht zu, daß wir die Flinte ins Korn werfen, wenn wir trotz allem Einsatz das Scheitern erleben, wenn wir Mißerfolg haben, Undank erfahren.
Bereite unsere Herzen darauf vor, daß unser Einsatz seinen Preis hat –
Und daß die Früchte Deiner Geistesgegenwart nicht einfach vom Himmel fallen.
Laß uns begreifen, daß du selbst uns brauchst,
daß du unseren Einsatz nötig hast, damit wir wirklich alles geben, was wir zu geben haben.
Und segne du allen Einsatz – den unseren und den von allen, die in deinem Namen, nach deinem Willen unterwegs sind.
Ja, Herr, wir bitten dich für alle Menschen, die deinem Friedens- und Liebeswillen dienen – ob sie es ganz bewußt tun, in der großen Freude, dich zu kennen, dir zu dienen mit Leib und Seele, dir, dem Mensch gewordenen Liebeswillen Gottes, unseres Vaters, - oder ob sie sich der Menschlichkeit verschrieben haben, dem Dienst am Nächsten, noch ohne dich zu kennen.
Herr, schenke, daß deine Liebe, deine Gerechtigkeit, dein Friede Wirklichkeit werden in unserer Welt, die dich so dringend braucht –
Und zwar ganz besonders dort, wo Liebe und Frieden und Gerechtigkeit auf grauenhafte Weise fehlen:
An den Grenzen unserer Länder, wo in diesen Tagen so viel Flüchtlinge Gefahr laufen, zurückgewiesen zu werden,
in den Schulen und in den Vorstädten, wo ungezählte Jugendliche ohne alle Hoffnung, ohne alle Zukunftsperspektiven sind, eben weil die Liebe fehlt,
aber auch weit weg von hier, in jenen Ländern, die heute produzieren, was morgen unserer Bequemlichkeit und unserem Wohlstand dient – und so viel Menschen dort können nur schaffen und schaffen und finden doch keine Zukunft dabei.
Und wir bitten dich für Israel, dein Volk, in dem du selber zu Hause gewesen bist. Segne alle Friedensbemühungen, allen Einsatz für Ausgleich und Versöhnung. Mach du selbst ein Ende all der Haß- und Mißachtungs- und Greuelpropaganda, die so viel Herzen vergiftet. Laß es geschehen, daß gerade aus dieser Gegend, in der du selber unterwegs gewesen bist, wo du uns das Vorbild und das Opfer deines Lebens geschenkt hast, aus Liebe –
laß es geschehen, daß von dort Zeichen des Friedens ausgehen, Zeugnisse von Versöhnung und Gerechtigkeit, bis an die Enden der Erde.