Predigt für den 27. Mai 2007 (Pfingsten) im Temple von Lagorce
Evangelium: Johannes 14, 15 – 21
Predigt: Römer 8, 8 - 17
Lieder: Arc-en-Ciel 507, 1-2-3 ; 506, 1-2-3 ; 536, 1-2-3-4
Antwortverse: (AEC) 118, 1 ; 428, 4 ; 475, 2 ; 81, 8 ; 862 ; 875 ; 471, 1 ; 138, 2
Das Evangelium zum heutigen Pfingsttag zeigt uns, wie Jesus den Jüngern das Kommen des Heiligen Geistes angekündigt hat. Wir hören Johannes 14, 15-21. Jesus spricht:
Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist's, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.
Wir wollen miteinander nachdenken über ein Pauluswort aus dem Römerbrief im 8. Kapitel. Paulus spricht in etwas überraschender Weise vom Geist Gottes und seinem Wirken in der Welt:
Wer nur der Welt lebt, kann Gott nicht gefallen. Ihr aber seid nicht von der Welt, sondern vom Geist beseelt, wenn denn wirklich Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar todverfallen um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben, um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch ist. So sind wir nun, liebe Brüder, nicht der Welt schuldig, daß wir nach der Welt leben. Denn wenn euer Eigenwille der Maßstab eures Lebens ist, so werdet ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist alles selbstsüchtige Tun tötet, so werdet ihr leben. Alle, die sich durch Gottes Geist führen lassen, sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch sklavisch macht, euch unterwirft, daß ihr in ständiger Angst leben müßt. Vielmehr habt ihr einen Geist empfangen, der euch zu adoptierten Kindern macht (pneuma hyothesías: die Lutherübersetzung ist leider zu wenig präzise!), durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst bezeugt unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, die jetzt mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Liebe Freunde,
« ihr habt einen Geist empfangen, der euch zu adoptierten Kindern macht, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! » so spricht Paulus zu uns über unser Christsein. Das paßt ausgezeichnet zu Pfingsten, selbst wenn wir diesmal nicht den Bericht vom ersten Pfingstfest in Jerusalem hören. Sie erinnern sich ja sicher: Die Apostelgeschichte berichtet vom Geist Gottes als einer Kraft, einem Schwung, einer belebenden Wirklichkeit, die Gott verleiht. Unfaßbar und doch wirklich – etwa so wie die Liebe, die auch unfaßbar ist, und doch zugleich durchaus wirklich. Der Heilige Geist ist eine Kraft, die vereint, die zum Zeugnis ermutigt, die es bewirkt, daß Christen ihre Unsicherheit und ihre üblichen Barrieren fallen lassen und Jesus Christus bezeugen, der der Grund ihres Lebens ist.
Und nun spricht Paulus im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist von Adoption. Um ihn recht zu verstehen, müssen wir für einen Augenblick alles beiseite lassen, was wir heute mit diesem Begriff verbinden. Zur Zeit der Apostel ging es bei der Adoption immer um Erwachsene. Vielleicht wissen Sie es sogar: Die am weitesten verbreitete Adotptionsformel der damaligen Zeit finden wir – in den Berichten von der Taufe Jesu!
„Dies ist mein geliebter Sohn, in den ich mein ganzes Vertrauen setze!“
mit diesen Worten konnte ein König das Szepter an seinen ältesten Sohn weiterreichen, mit dieser Formel konnte ein Kaufmann seinem Nachfolger die Geschäfsvollmachten übergeben – die Adoption war damals der Augenblick, in dem jemand in seine Aufgaben und Rechte als Sachwalter des Vaters, als Nachfolger und Erbe eingesetzt wurde. Damit ist die Adoption zunächst einmal ein gewaltiges Geschenk, eine unerhörte Chance. Ein Vertrauensbeweis!
Für die Apoption braucht's keine Prüfung, kein Examen, keine Vorleistung, keine Banksicherheit. Wer adoptiert wird, wird schlicht und voll angenommen, wie ein Kind, das auf die Welt kommt. Und wir wissen es ja: Jeder Mensch hat es nötig, in solcher Weise angenommen, adoptiert zu werden. Persönlich akzeptiert, anerkannt zu werden als ein Wesen, das alles Vertrauen wert ist. Und nun machen uns unsere Taufe und der Geist Gottes bewußt, daß Gott uns in dieser Weise annimmt. Ohne Gott können wir unserem Leben keinen wahren Sinn geben. Wir können Pläne machen, wir können dolle Sachen auf Kiel legen, wir können uns selber einsetzen. Aber wirklichen Lebenssinn finden – ganz in sich selber ruhen können, das gelingt dir nur, wenn du dich getragen und geliebt weißt. Wenn du dich geborgen weißt in einer Liebe, die dich selber unendlich übersteigt. Und diese Liebe wendet Gott dir zu. Umsonst. Ganz einfach darum, weil Gott Gott ist. So bezieht er dich ein in seinen Heilsplan mit der Welt. Er will, daß du – an dem Ort, an den er dich stellt – dich voll hineingibst in seinen Heilswillen, damit du an seinem Frieden schaffst und seine Liebe konkret werden läßt.
So befreit uns Gott aus einem Leben, das nur um sich selber kreist. So erlöst er uns von einem Leben, das nur aus Selbstbestätigung besteht. Es ist ein Elend, ohne Gott zu sein: Dauernd muß ich mich selber beweisen. Durch seinen belebenden Ruf, durch seinen Geist schenkt uns Gott den Platz, an dem wir wir selber sein dürfen, und seine Zeugen werden. Und erleben, welch ungeahnte Gnadengaben das in uns wachsen lassen kann.
Gott macht uns nun aber nicht nur zu seinen Kindern, damit wir den Sinn unseres Daseins finden. Zudem verschafft die Sohnschaft eine ungeahnte Verbundenheit. Wir sind Gottes Kinder. Wir dürfen „du“ zu ihm sagen. Wir dürfen ihn Vater nennen, oder genauer übersetzt: Vatti, Pappi!
In vielen Religionen gilt Gott als geheimnisvolle Wirklichkeit. Übermächtig, gewaltig – und vor allem sehr weit entfernt. Solchen Vorstellungen von Gott können dir auch bei Christen begegnen. Die glauben, daß Gott eine erdrückende, übermächtige Wirklichkeit ist, sehr fordernd und wenig einfühlsam, was unsere menschlichen Schwierigkeiten betrifft. Ganz im Gegensatz dazu betont nun Paulus, wenn er vom Geist spricht, der uns adoptiert, die intime Verbundenheit, die Gott uns schenkt. Du kannst dich voller Vertrauen an ihn wenden mit allem, was du auf dem Herzen hast. Er ist dein „Pappi“. „Ihr habt einen Geist empfangen, der euch zu adoptierten Söhnen macht, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ - Paulus hat die Gottesanrede „Pappi“ nicht selber erfunden. Die ersten Christen haben Gott in ihren Gebeten im Gottesdienst und ganz persönlich völlig selbstverständlich als „Abba!“ angerufen - weil sie von Jesus wußten, daß er das auch so getan hat.
Die Evangelien zeigen uns immer wieder, wie Jesus Gott als „Abba“, als „Vatti“ angeredet hat – und es fehlen die Zeugnisse nicht, die sichtbar machen, daß das damals alles andere als selbstverständlich war. Im Augenblick, wo Jesus seinen Jüngern „sein“ Gebet weitergibt, beginnt er mit „Unser Vater...“. Und wir erinnern uns an einen anderen Augenblick, einen sehr schmerzlichen, in dem Jesus so mit seinem himmlischen Vater redet. Nämlich kurz vor seiner Verhaftung, im Garten Gethsemane. Jesus weiß, daß er bald sterben muß, und er bittet inständig: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich: Laß diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber nicht wie ich will, sondern dein Wille geschehe“.
Wir sehen, wie in der schrecklichsten Prüfung, in der tiefsten Todesangst die Verbundenheit mit dem himmlischen Vater nur um so intensiver wird. Der Geist, der uns zu adoptierten Kindern macht, ist nicht nur für die angenehmen Augenblicke gut, wenn wir mit Gott in glücklicher Harmonie sind. Freilich, schon das ist nicht nichts. Aber dieser Geist der Verbundenheit trägt auch dann und dort noch, wenn wir in Versuchung sind, zu meinen, Gott habe sich abgewandt, Gott habe uns fallen gelassen.
Adoptiert sein heißt, mit allen dazu gehörigen Rechten Kind zu sein. Erbe. Du bist voll verantwortlich, für alles, was bisher in des Vaters Händen lag. Nun ist alles dein. Du wirst die Werte hoch halten, die nun die deinen sind, du wirst die Lebensausrichtung dessen übernehmen, der dich adoptiert hat. Der Geist, der uns zu adoptierten Kindern macht, stellt uns in eine völlig neue Lebenswirklichkeit. In eine Verantwortung, die keine niederschmetternde Aufgabe ist, aber auch kein Privileg, auf das wir stolz sein könnten. Eine Verantwortung allerdings, die darin und dadurch tragbar wird, daß wir wissen, wie wir uns Gott verdanken, und daß wir ganz in der Verbundheit mit ihm leben.
Der Geist, der uns zu adoptierten Kindern macht, führt uns dazu, auf alle die zu schauen, die im Dunkel sind. Sie sind für uns Menschen, die Gott unendlich lieb hat, und die er segnen will. So macht uns der Geist Gottes aufmerksam auf jeden einzelnen, der ohne Ziel und ohne Hoffnung ist, weil Gott ihm in seiner Liebe Leben in Fülle schenken will.
Wenn nach dem Pfingsbericht Gottes Geist ausgegossen ist auf alle Lebendigen, dann kann er nicht mehr nur einigen wenigen vorbehalten sein. Dann gibt es keine Unterscheidung mehr zwischen Nahen und Fernen, zwischen Freunden und Fremden, zwischen denen drinnen und denen draußen. Dann gibt’s nur noch eines, leider, nämlich den Unterschied zwischen denen, die den Ruf in die Kindschaft schon empfangen haben und die nun in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes leben – und den anderen, die ihn noch nicht empfangen haben, aber denen er ganz genauso gilt. Und, wer weiß, vielleicht bist gerade du heute dazu aufgerufen, für einen Menschen, der Gott lieb hat, der Überbringer dieses befreiungsrufes zu werden! Amen.
Herr, unser Gott, wo dein Geist gegenwärtig und wirksam wird unter uns, in deiner Welt, in deiner Schöpfung, da ruft er in die Kindschaft.
Da wird er Wirk-lichkeit, Gegenwart, Begegnung,
eine Dynamik die eint und erfreut, die beseelt und bewegt,
die Verstehen möglich macht und Verbundenheit, sogar unter Menschen, die einander fern und fremd waren, die sich verkannt haben, die Angst hatten voreinander.
Darum bitten wir dich, schenke deinen Geist, der uns zu adoptierten Kindern macht, deinen Geist der Verbundenheit, der Einheit,
deiner Kirche, dem Leib deines Sohnes Jesus Christus auf Erden.
Mach es möglich, daß handfeste und glaubhafte Taten der Liebe von ihr ausgehen, die die Einheit unter den Menschen fördern, die Verstehen und Versöhnung möglich machen und dazu führen, daß Menschen sich einsetzen für Frieden und Menschenwürde für alle, und für eine lebenswerte Zukunft.
Herr, wir bitten dich auch – und ganz besonders – für dein geliebtes Bundesvolk, für Israel und seine arabischen Nachbarn und Geschwister.
Laß du Frieden möglich werden, damit aus diesem Land, dem du in so besonderer Weise deine Gegenwart in der Welt geschenkt hast,
Zeichen und Inbegriff für Einheit und Frieden wird, die du uns schenkst.